Die Misteltherapie

Die Mistel

Mistelextrakte werden seit etwa 85 Jahren vorwiegend in der Krebstherapie eingesetzt - zurückgehend auf Rudolf Steiner, der die Mistel Anfang des 20. Jahrhunderts als Heilpflanze in der Krebstherapie empfohlen hatte. Heute gehören Mistelpräparate zu den meist verordneten Arzneimitteln in der Krebsmedizin und sind damit de facto zu einer biologischen Standardtherapie in der Onkologie geworden - etwa die Hälfte der Tumorpatienten wendet Mistelpräparate an. Damit ist die Mistel die bekannteste und am häufigsten genutzte anthroposophische Heilpflanze. Es gibt rund 1400 Pflanzen, die im weitesten Sinne als Misteln bezeichnet werden, die Medikamente zur Krebstherapie werden aber ausschließlich aus der weißbeerigen Variante (Viscum album) hergestellt. Die Mistel wächst auf Laub- und Nadelbäumen, häufig auf Pappeln und Apfelbäumen. Sie ist in ganz Europa heimisch, aber auch in Nordafrika, im Vorderen Orient und in Japan.

Was kann die Mistel?

Mistelextrakte wirken im menschlichen Körper auf unterschiedliche Weise. Sie können den "Selbstmord" (Apoptose) der Krebszellen anregen und dazu beitragen, dass der Tumor nicht weiter wächst oder sogar kleiner wird. Die aufgrund der Krebserkrankung verringerten Immunzellen vermehren sich wieder. Die Misteltherapie wirkt sich auch direkt auf die Lebensqualität aus: Mit Mistel behandelte Krebspatienten fühlen sich insgesamt besser und leistungsfähiger, sie haben mehr Appetit und nehmen wieder zu, sie schlafen besser und sind weniger infektanfällig. Auch wirkt die Misteltherapie stimmungsaufhellend und kann tumorbedingte Schmerzen lindern. In mehreren Studien wurde beobachtet, dass sich unter einer Misteltherapie die Überlebenszeit verlängern kann. Offenbar kommt es bei den Wirkungen des Mistelextrakts weniger auf einzelne Inhaltsstoffe an als auf das Zusammenwirken aller Substanzen im Gesamtextrakt - ähnlich wie bei einem Orchester der erwünschte Gesamtklang nur im harmonischen Zusammenspiel aller Instrumente erzeugt werden kann.

Wie wird sie angewendet?

In Deutschland sind acht verschiedene Mistelpräparate erhältlich, fünf aus der Anthroposophischen Medizin und drei aus der Pflanzenmedizin (Phytotherapie). Bei allen Mistelpräparaten handelt es sich um Gesamtextrakte aus der ganzen Pflanze. Mistelextrakte werden meist gespritzt, am häufigsten unter die Haut. Die Dosis wird langsam gesteigert, bis an der Einstichstelle eine Rötung erkennbar ist. Diese Lokalreaktion ist keine Nebenwirkung, sondern erwünscht - zeigt sie doch an, dass das Immunsystem auf die Mistel reagiert. Größer als vier bis fünf Zentimeter im Durchmesser sollte die Rötung in aller Regel nicht sein. Ist sie größer, sollte dies mit dem Arzt besprochen werden - eventuell ist die Dosis zu hoch und sollte bei der nächsten Spritze geringer ausfallen. Die Mistel kann nicht als Tabletten oder Kapseln eingenommen werden. Dabei würden Verdauungssäfte in Magen und Darm die Inhaltsstoffe angreifen und unwirksam machen. Lediglich in Form von Tropfen können die Wirkstoffe über die Mundschleimhaut ebenfalls ins Blut gelangen, diese Anwendungsform wird jedoch fast nur bei Kindern praktiziert.

Jede Misteltherapie ist eine individuelle Therapie - es gibt dafür kein Schema, das für alle Patienten gleichermaßen gültig ist. Es gibt Menschen, die schon auf homöopathische Verdünnungen stark reagieren und andere, die eine höhere Dosis oder ein besonders lektinreiches Präparat brauchen, um die erwünschte Reaktion zu zeigen. Die Misteltherapie besteht immer aus einer Einleitungsphase, um die Verträglichkeit zu testen und um die richtige Dosis sowie das passende Präparat zu finden. Anschließend folgt die zyklische Erhaltungstherapie über mehrere Jahre. Eine Misteltherapie sollte - wie auch die Chemotherapie beim Onkologen - bei einem darauf spezialisierten Arzt erfolgen. Die ärztliche Begleitung erfordert viel Erfahrung, Intuition und Fingerspitzengefühl.

Wie wirksam ist die Mistel?

Die Misteltherapie ist unter den unkonventionellen Verfahren in der Krebsmedizin das mit Abstand am besten erforschte Verfahren - trotzdem wird die klinische Wirksamkeit der Mistel oft noch immer kontrovers diskutiert. Aus der präklinischen Forschung liegen mehrere hundert, aus der klinischen Forschung knapp hundert Studien vor, deren Methodik teils aber sehr unterschiedlich ist. Bei doppelblind randomisiert kontrollierten Studien lässt sich die Wirksamkeit der Mistel nur schwer belegen. Bei anderen sorgfältig durchgeführten Studientypen jedoch - wie vergleichende Studien ohne randomisierte Therapiezuteilung oder Fallserien - ist die Wirksamkeit der Mistel inzwischen gut belegt.