Anthroposophische Medizin auf dem 1. Nationalen Impfkongress
Interview mit Dr. Stefan Schmidt-Troschke, Kinderarzt und Ärztlicher Leiter des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe
Anfang März fand in Mainz die von der Gesundheitsministerkonferenz der Länder beschlossene 1. Nationale Impfkonferenz statt. Vor dem Hintergrund, dass anthroposophische Ärzte immer wieder als strikte Impfgegner genannt werden, ist es schon etwas Besonderes, dass Sie als einer der ersten Redner im Hauptprogramm eingeplant waren. Wie kam es dazu?
Dr. Stefan Schmidt-Troschke: Wir hatten vor einigen Jahren zusammen mit dem Robert-Koch-Institut eine Studie zur Häufigkeit von Masern-Komplikationen gemacht. Dabei ist eine gute Vertrauensbasis entstanden, die dann dazu geführt hat, dass ich zu der Konferenz in Mainz eingeladen wurde, um die Perspektive der Anthroposophischen Medizin zum Impfen vorzustellen.
Die Anthroposophische Medizin weist immer wieder darauf hin, nicht gegen das Impfen zu sein, sondern für den individuellen Impfentscheid. Hatten Sie den Eindruck, dass diese differenzierte Position auf dem Kongress respektiert wurde?
Dr. Stefan Schmidt-Troschke: In der Programmgestaltung hatte man sich bemüht, dieser differenzierten Haltung Raum zu geben und für die Anthroposophische Medizin ein eigenes Referat vorgesehen, das ich dann gehalten habe. Auf der anderen Seite ist es natürlich so, dass man als einziger Vertreter einer Auffassung, die eben nicht dem medizinischen Mainstream entspricht, schon sehr als Einzelkämpfer wirkt. Wenn wir in einen ernsthaften Dialog über das Impfen treten wollen, muss das anders werden.
Waren außer Ihnen noch andere impfkritische Ärztinnen und Ärzte da? Wie war die Anthroposophische Medizin vertreten?
Dr. Stefan Schmidt-Troschke: Wir müssen unsere Kräfte bündeln, um unsere Position zum Impfen zu Gehör bringen zu können. Auf der Konferenz war ich allerdings der einzige akkreditierte ärztliche Vertreter, der sich zum Impfen auch kritisch geäußert hat. Da wünsche ich mir noch mehr Zusammenarbeit mit den anderen Ärzten, auch was die Präsenz auf einer solchen wichtigen Veranstaltung angeht.
Wie sah es im Ausstellerbereich aus? Gab es dort Raum für differenzierte Positionen?
Dr. Stefan Schmidt-Troschke: Nein, obwohl wir im Vorfeld darum gebeten hatten, auch dort unser Anliegen deutlich machen zu können. Das wurde nicht erlaubt. Der Ausstellerbereich war vor allem durch die Pharmahersteller geprägt, die die Szene stark dominiert haben.
Was ist jetzt konkret zu tun? Wie kann die Anthroposophische Medizin ihrer Verantwortung in der Impffrage gerecht werden?
Dr. Stefan Schmidt-Troschke: Die Anthroposophische Medizin muss jetzt vor allem deutlich machen, dass eine differenzierte Position zum Impfen eine gesellschaftliche Berechtigung und eine Notwendigkeit hat. Ich denke, dass die Anthroposophische Medizin bei dieser Forderung eine Führungsrolle haben kann, denn das spezifische Anliegen der Anthroposophischen Medizin ist ja, die Medizin konsequent individuell auszurichten. Heute wird im Gesundheitssystem aber aus Kostengründen alles standardisiert. Fragt man allerdings die Patienten, so wird deutlich, dass sie sich eine individualisierte Medizin wünschen. Diesen Auftrag nimmt die Anthroposophische Medizin sehr ernst.
Wie sieht die Aufgabe der Anthroposophischen Medizin beim Impfen aus, um der Verantwortung für eine Public Health gerecht zu werden?
Wir beschäftigen uns schon lange mit diesem Thema und haben im Laufe der Zeit auch gute Antworten zur individuellen Betreuung der Patienten gefunden. Die anthroposophischen Ärzte stehen deshalb in der Verantwortung, mit guten, differenzierten und auch rational fassbaren Argumenten für eine größere Individualisierung in der Medizin im Allgemeinen und in der Impfdebatte im Besonderen einzustehen. In diese Beratung eingeschlossen muss immer auch die Perspektive des Anderen sein, desjenigen, der durch eine Erkrankung ungewollt angesteckt werden könnte. Die Verantwortung für diesen Anderen kann dem Einzelnen keiner abnehmen, auch der Staat nicht mit einer Zwangsimpfung.
Wie erleben Sie die Eltern, wenn es ums Thema Impfen geht?
Dr. Stefan Schmidt-Troschke: Wir stellen fest, dass die Eltern ihre Kinder zunehmend impfen lassen wollen. Von einer Impfmüdigkeit, von der Sie in den Medien heute immer wieder lesen können, kann also keine Rede sein. In fast allen Bereichen haben wir bundesweit steigende Impfraten, im Übrigen auch bei den Masern, die besonders häufig im Fokus stehen, wenn es um die vermeintliche Impfmüdigkeit geht. Der Vorwurf, die anthroposophischen Ärzte würden Eltern großflächig vom Impfen abhalten, ist also auch aus diesem Grund nicht plausibel. Was wir aber auch spüren, ist, dass sich Eltern zunehmend in einem Korsett aus so genannten Notwendigkeiten gefangen sehen und gar nicht mehr differenziert (aus-)wählen können. Ein Beispiel dafür: Die heutigen Kombinationsimpfungen lassen keine Wahl, gegen welche Krankheit geimpft werden soll. Für uns bedeutet das auch, dass wir in der Beratung Kompromisse eingehen müssen, wenn eben kein Einzelimpfstoff vorhanden ist. Unsere Forderung ist daher, dass man auch auf gesetzlicher Ebene dieser individuell-differenzierten Entscheidung Rechnung trägt, und die Hersteller dazu bringt, einzelne Impfstoffe anzubieten.
Welche Eltern kommen zu Ihnen? Eltern, die strikt gegen das Impfen sind? Oder Eltern, die (noch) Beratungsbedarf haben?
Dr. Stefan Schmidt-Troschke: Zu uns kommen vor allem Eltern, die sich eine unabhängige und ausführliche Beratung über das Für und Wider von Schutzimpfungen wünschen - die berühmt-berüchtigten strikten Impfgegner sind das nicht. Vielmehr handelt es sich dabei um Eltern, die oft mit der bisherigen Beratung und Aufklärung unzufrieden sind, die sich in ihrer Impfentscheidung nicht angemessen informiert und begleitet fühlen.
Wie stellen Sie sich eine moderne und gute Information zum Impfen vor?
Dr. Stefan Schmidt-Troschke: Es sind natürlich die Ärzte, die nach wie vor in der Pflicht sind, unabhängig und ausführlich zum Impfen zu informieren. Da kommen (und wollen) wir nicht raus. Was uns allerdings noch fehlt, ist eine strukturierte Ausbildung für eine differenzierte Impfberatung. Wir werden darüber nachdenken müssen, ob wir in unseren eigenen Reihen (aber auch darüber hinaus) Angebote für Ärzte machen können, um auf die Fragen der Eltern sinnvolle Antworten geben zu können. Mittel- und langfristig kann man natürlich auch darüber nachdenken, ob es Krankenschwestern geben sollte, die sich spezialisieren, um Beratungen zu Impfungen in Zukunft mit übernehmen zu können. Aber grundsätzlich gilt: Wir können in der Beratung nur glaubwürdig sein, wenn wir zeigen, dass wir die Eltern unabhängig und nicht tendenziös informieren.
Vieles in der Impf-Diskussion läuft zugespitzt auf die Masern-Impfung zu. Wie stehen Sie dazu? Was bedeutet das für die Anthroposophische Medizin?
Dr. Stefan Schmidt-Troschke: Die Anthroposophische Medizin fasst die Masern als eine Krankheit auf, die auf eine gesamte Biographie bezogen durchaus eine sinnhafte Wirkung haben können. Die jetzige epidemiologische, also gesamtgesellschaftliche Entwicklung erfordert es aber, der Realität neu ins Auge zu blicken. Aufgrund der heutigen Impfprogramme ergeben sich auch für die anthroposophischen Ärztinnen und Ärzte neue Voraussetzungen, die wir sehr ernst nehmen müssen. Die Masern betreffen heute eben seltener Kleinkinder, bei denen es weniger Komplikationen gibt, sondern vor allem Gruppen, die ein deutlich höheres Risiko haben, an den schwerwiegenden Komplikationen zu erkranken, also einerseits vor allem Jugendliche und junge Erwachsene und andererseits Säuglinge. Heute nehmen Eltern, die sich wünschen, dass ihre Kinder die Masern durchmachen, ein hohes Maß an Verantwortung auf sich - und zwar nicht nur für ihr eigenes Kind, sondern auch für Kinder und Jugendliche im Umkreis.
Vielen Dank für das Gespräch!
