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Komplementärmedizin im Gespräch
11. Mai 2006
Austausch und Dialog standen im Mittelpunkt der Veranstaltung "Komplementärmedizinische Gespräche - Perspektiven für eine ganzheitliche Medizin", die am 10. Mai 2006 in Berlin stattgefunden hat. Organisiert und durchgeführt wurde die Gesprächsrunde vom Hauptstadtbüro Komplementärmedizin, in dem sich der DAMiD und die Hufelandgesellschaft (Dachverband der Ärztegesellschaften für Naturheilverfahren und Komplementärmedizin) zusammengeschlossen haben. Zahlreiche Gäste hatten sich eingefunden, um miteinander über die Komplementärmedizin ins Gespräch zu kommen. Als politische Vertreterinnen und Vetreter waren anwesend: Helga Kühn-Mengel, Beauftragte der Bundesregierung für die Belange der Patientinnen und Patienten sowie Dr. Wolf Bauer (CDU), Dr. Marlies Volkmer (SPD), Dr. Konrad Schily (FDP), Dr. Daniel Rühmkorf (Die Linke) und Birgitt Bender (Bündnis 90 / Die Grünen).
Viel Dialog
Politik und Wissenschaft betonten in verschiedenen Beiträgen im Rahmen der Veranstaltung, wie wichtig die Komplementärmedizin für den Methodenpluralismus ist. Inhaltlich ging es in erster Linie um das Thema Wirksamkeitsnachweis. So gab es unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen regen Austausch darüber, welche Evaluationsmethoden für komplementärmedizinische Verfahren sinnvoll seien und wie Forschung und Wissenschaft für die Komplementärmedizin weiter entwickelt werden können. In intensiven Gesprächen wurde deutlich, dass zwischen Politik, Verwaltung und Komplementärmedizin ein selbstverständlicher Kontakt entstanden ist, der sich sehr positiv auf den fachlichen Austausch auswirkt.
Chancen der Komplementärmedizin
Zum Auftakt der Veranstaltung bezeichnete Dr. Helmut Sauer, Vorstand der Hufelandgesellschaft, das Gesundheitswesen selbst als einen dauerhaft kranken Patienten. Die Zahl älterer, kranker Menschen steigt, chronische Erkrankungen nehmen zu. Die Medizin heute werde umdenken und umschwenken müssen, um den aktuellen und zukünftigen Anforderungen begegnen zu können. Im zweiten Begrüßungsbeitrag machte Dr. Matthias Girke, Vorstand des DAMiD, klar, dass es der Komplementärmedizin nicht um eine Konkurrenz zur Schulmedizin gehe. Vielmehr gehe es darum, eine integrative Medizin zu entwickeln, in der die Komplementärmedizin als sinnvolle Ergänzung und Erweiterung ihren festen Platz hat. Als Einstimmung in das Thema "Wirksamkeitsnachweis" wies Dr. Girke darauf hin, dass sich die Komplementärmedizin inhaltlich nicht auf den Nachweis der Wirksamkeit beschränken lässt. Denn auch die Aspekte "Wirkung" (ein Arzneimittel kann Wirkung zeigen und zum Beispiel einen Surrogat-Parameter verändern, ohne Wirksamkeit hinsichtlich des prognostischen Outcomes eines Patienten zu haben) und Nutzen (medizinische Maßnahmen und Arzneimittel, deren Wirksamkeit nachgewiesen ist, müssen - beispielsweise wegen umfassender Nebenwirkungsprofile - nicht unbedingt von Nutzen für den Patienten sein) fließen in Überlegungen zur therapeutischen Wirksamkeit eines komplementärmedizinischen Verfahrens mit ein.
Politische Botschaften
Als erste politische Vertreterin sprach Helga Kühn-Mengel, Beauftragte der Bundesregierung für die Belange der Patientinnen und Patienten. In ihrem Grußwort wies Kühn-Mengel darauf hin, dass die Komplementärmedizin von den Patientinnen und Patienten zunehmend nachgefragt wird und berechtigterweise zu einer festen Größe im Methodenpluralismus geworden sei. Grundsätzlich könne natürlich auf objektiv überprüfbare Wirksamkeitsnachweise nicht verzichtet werden, so dass die komplementärmedizinische Wissenschaft und Forschung unterstützt werden sollten.
Die Vertreter der großen Koalition, Dr. Wolf Bauer (CDU) und Dr. Marlies Volkmer (SPD) bekräftigten gleichermaßen die große Bedeutung der Komplementärmedizin für das Gesundheitswesen, wiesen jedoch auch auf die Knappheit der Ressourcen hin. Dr. Konrad Schily (FDP) machte in seinem Beitrag auf die europäische Perspektive aufmerksam und mahnte, dass große Anstrengungen nötig seien, um die lange Tradition der Komplementärmedizin, wie sie in Deutschland selbstverständlich sei, auf europäischer Ebene abzusichern. Als Vertreter der Linken forderte Dr. Daniel Rühmkorf Pluralismus und Wahlfreiheit, so dass die Patientinnen und Patienten gemeinsam mit ihrem Arzt entscheiden können, welches medizinische Verfahren im Einzelfall sinnvoll sei. Birgitt Bender (Bündnis 90 / Die Grünen) schilderte in ihrem Grußwort kurz, wie sich die Grünen bei den Novellen des Arzneimittelgesetzes und beim Gesundheitsmodernisierungsgesetz in der letzten Legislaturperiode bewusst für die Komplementärmedizin eingesetzt haben. Dieses Engagement wird auch in Zukunft bestehen bleiben. Allerdings wies auch Bender darauf hin, dass im Bereich der Forschung noch weitere Anstrengungen unternommen werden müssen, um die die Erfolge der Komplementärmedizin wissenschaftlich überprüfbar zu machen.
Impulse für Wissenschaft und Forschung
Im Anschluss an diese Grußworte hielt Professor Stefan Willich (Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie, Charité) seinen Impulsvortrag "Wirkungsnachweise in der Komplementärmedizin". In seinem Beitrag zeigte Willich auf, dass es in den letzten Jahren zunehmend mehr Forschungsaktivität im Bereich der Komplementärmedizin gäbe, die eine wissenschaftliche Bewertung zum Wirksamkeitsnachweis in einigen Bereichen zulassen. Man brauche hier sowohl stark formalisierte RCT-Studien (randomisierte, kontrollierte Doppelblind-Studien) als auch eine gut ausgebaute Versorgungsforschung, die die Wirkungsweise der Komplementärmedizin eher abbilden könne, wie am Beispiel von Studien zur Homöopathie deutlich wurde. Politisch wurde der Vortrag, da Willich die seit kurzem vorliegenden Ergebnisse der großen Akkupunktur-Studie erläuterte und die Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses, zwar die Akkupunktur bei Rücken- und Kniebeschwerden, nicht jedoch die Akkupunktur bei Kopfschmerzen und Migräne in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufzunehmen, deutlich kommentierte.
Perspektive für Wirksamkeitsnachweise
Den zweiten Impulsvortrag hielt Dr. Erich Hager zum Thema "Evidenz- versus erkenntnisbasierte Medizin". Hager kritisierte, dass in den gegenwärtig dominierenden Studiendesigns der RCT-Studien und der Evidenz-basierten Medizin (EbM) komplexe medizinische und individuelle Sachverhalte auf formalisierte mathematische Aussagen reduziert würden. Dabei hätte der Begründer der EbM, David L. Sacket, die EbM aber ausdrücklich folgendermaßen charakterisiert: "Die Praxis der EbM bedeutet die Integration individueller klinischer Expertise mit der bestmöglichen externen Evidenz aus systematischer Forschung". Vor diesem Hintergrund betonte Hager, dass Anwendungsbeobachtungen auch wichtige Evaluationsmethoden sein können. Gleichzeitig wurde deutlich, dass eine Forschung, die der Komplementärmedizin gerecht werden möchte, auch das Arzt-Patientenverhältnis sowie das ärztliche Erfahrungswissen miteinbeziehen muss. Abschließend sprach sich Hager für einen speziellen Forschungsfonds aus, der für die Prüfung der Wirksamkeit von komplementärmedizinischen Verfahren bereitgestellt werden solle - wie zum Beispiel auch in den USA.
Pressekontakt:
Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD)
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