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Europa im (komplementär-)medizinischen Dialog
Berlin, 15. November 2007
Ein Dialog kann weit mehr sein als ein Gespräch. Er kann durchaus als Brücke verstanden werden, zum Beispiel im Austausch von Schul- und Komplementärmedizin. Während in der Praxis unterschiedliche Behandlungsansätze längst miteinander kombiniert werden, ist die gegenseitige Wahrnehmung auf verschiedenen Ebenen oft noch problematisch. In dieser Situation trägt das 2000 gegründete "Dialogforum für Pluralismus in der Medizin" durch Veranstaltungen und Diskussionen dazu bei, das gegenseitige Verständnis zu fördern und den Austausch zu stärken. Nun wird dieser Dialog in Europa geführt: Am 18. Oktober 2007 haben rund 120 Vertreterinnen und Vertreter der Schul- und Komplementärmedizin aus fünfzehn europäischen Ländern beim "Ersten Europäischen Dialogforum für Pluralismus in der Medizin" in Brüssel miteinander diskutiert. Dieser Diskurs ist heute wichtiger denn je. Denn gerade vor dem Hintergrund der immer stärkeren Angleichung der Zulassungsverfahren auf europäischer Ebene geht es darum, sowohl Stellung als auch Besonderheiten der Komplementärmedizin in Europa herauszuarbeiten. Nur so kann es gelingen, auch Aspekte wie Salutogenese oder Prävention fest in unserem Verständnis von Gesundheit und Krankheit zu verankern und auch einer Perspektive Raum zu geben, die in einer Krankheit und deren Bewältigung immer auch das individuell-menschliche Entwicklungspotenzial sieht. Dazu braucht es Brücken, die zwischen den Akteuren auch europaweit geschlagen werden. Für die Anthroposophische Medizin haben Dr. Matthias Girke (Deutschland) und Dr. Jackie Swartz (Schweden) als Referenten in Brüssel gesprochen.
Keine reine Naturwissenschaft
Für den Dialog und den kritisch-konstruktiven Austausch steht auch Professsor Jörg Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, der zu den Gründungsmitgliedern des Dialogforums gehört. Bei der Veranstaltung in Brüssel erneuerte er sein Bekenntnis zu einem pluralistischen Gesundheitswesen, das eine fruchtbare Koexistenz verschiedener medizinischer Richtungen und multimodale Therapieansätze zulässt. Gleichzeitig appellierte er an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die Medizin als "Hybrid" aus Erfahrungen und wissenschaftlichen Nachweisen zu verstehen: "Medizin ist keine reine Naturwissenschaft, wie das seit Mitte des 19. Jahrhunderts behauptet wird. In der überwiegenden Zahl der Fälle ist die Medizin vielmehr eine praktische Erfahrungswissenschaft, eine Humanwissenschaft, die sich auch der Erkenntnisse anderer Wissenschaften - wie der Naturwissenschaften, der Psychologie, der Sozialwissenschaften, der Kommunikationswissenschaften, der Geisteswissenschaften und auch der Theologie - bedient", so der Pathologe in seinem Beitrag. Viele Krankheitsbilder seien rein naturwissenschaftlich gar nicht zu erklären, so dass es schon allein deshalb darauf ankomme, alle seriösen Therapieformen der Komplementärmedizin zum Nutzen der Patientinnen und Patienten einzusetzen.
Hoppe äußerte sich kritisch über eine "zentralstaatlich eingeführte Programm-Medizin", die auf einem "sehr mechanistischen Verständnis von Medizin und ärztlichem Handeln" basiere. Differenziert skizzierte er den heutigen Umgang mit medizinischen Leitlinien: Werden Leitlinien sinnvoll angewandt, können sie durchaus nützlich sein und eine schnell zugängliche Orientierung über den aktuellen Stand der Wissenschaft bieten. Als Vorschriften, die eins zu eins umgesetzt werden, sind sie jedoch nicht hilfreich. Der Arzt müsse vielmehr in der Einzelfallbetrachtung entscheiden, was richtig ist und sich damit auf seine "interne Evidenz" stützen, in die natürlich auch Erkenntnisse der externen Evidenz mit einfließen. Dazu brauche es jedoch "mehr Teamwork sowie eine strukturierte Kooperation zwischen den unterschiedlichen Therapierichtungen".
Nachfrage steigt
Die Zahlen sprechen in jedem Fall für die Komplementärmedizin: Mehr als 150 Millionen Patientinnen und Patienten in Europa vertrauen der Alternativ- und Komplementärmedizin (complementary and alternative medicine, kurz CAM). In Deutschland hat sich die Zahl der praktizierenden und ausgebildeten Mediziner in alternativ- und komplementärmedizinischen Therapien in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. In der Relation zeigt sich jedoch, dass die CAM immer noch eher als Ausnahme denn als Regel gilt. Zum Beispiel gibt es mittlerweile rund 30.000 ausgebildete Akupunkteure - allerdings bieten bisher nur rund zehn Prozent der niedergelassenen Allgemeinärzte diese Leistung an. Dennoch wächst die Alternativ- und Komplementärmedizin, da die Nachfrage seitens der Patientinnen und Patienten hoch ist. Professor Stefan N. Willich vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie (Charité), stellte beeindruckende Zahlen vor: In Deutschland haben 70 Prozent aller Patientinnen und Patienten Kontakt zur CAM, 30 bis 40 Prozent haben in den letzten drei Monaten entsprechende Medikamente genutzt. CAM-Arzneimittel und CAM-Therapien werden im Wert von vier Milliarden Euro von der gesetzlichen Krankenversicherung erstattet, zusätzlich bezahlen die Versicherten noch rund fünf Milliarden Euro aus eigener Tasche für die Alternativ- und Komplementärmedizin.
Im europäischen Vergleich
Der Austausch der verschiedenen CAM-Vertreterinnen und -Vertreter im Dialogforum machte schnell deutlich, dass die Regelungen zu den besonderen Therapierichtungen in den einzelnen europäischen Ländern durchaus unterschiedlich gehandhabt werden und nicht EU-weit Eingang in die staatlichen Versorgungssysteme finden. Während die Toskana in Italien als Modell gelten kann, da die komplementärmedizinschen Verfahren dem schulmedizinischen Ansatz in dieser Region seit Kurzem offiziell gleichgestellt ist, hinken beispielsweise die skandinavischen Länder einer solchen Entwicklung noch weit hinterher. Obwohl es in Schweden zum Beispiel die anthroposophische Vidarklinik gibt, sind Komplementär- und Alternativmedizin in Schweden nicht als staatliche Gesundheitsleistungen anerkannt. Auch in Großbritannien könnte die Lage der CAM besser sein: Der staatliche Gesundheitsdienst stützt sich vorwiegend auf konventionelle Methoden, so dass komplementärmedizinische Leistungen von den Versicherten selbst bezahlt werden müssen. Gleichzeitig drängen diffamierende Medienkampagnen die Komplementärmedizin in der öffentlichen Wahrnehmung in die Defensive. Auch in Frankreich decken die gesetzlichen Versicherungen nur ein Drittel aller Verschreibungen für Alternativ- und Komplementärmedizin ab.
Eine besondere Stellung nimmt nach wie vor Deutschland mit seiner starken und gewachsenen Tradition der Komplementärmedizin ein. Aber auch für Deutschland gilt: Die Komplementärmedizin kann nur dann überleben, wenn der Wirksamkeitsnachweis erbracht wird: Dazu muss die Forschung gestärkt werden, auch und gerade an interdisziplinären Schnittstellen zwischen Schul- und Komplementärmedizin. Diese Aufgabe kann nicht nur national, sondern muss auch international gelöst werden - auch das hat der Austausch auf europäischem Niveau beim Dialogforum gezeigt. Der Dialog auf europäischer Ebene soll fortgesetzt werden.
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