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Welche Rahmenbedingungen braucht die Komplementärmedizin?

4. Komplementärmedizinische Gespräche am 18. März 2009 in Berlin

Berlin, 19. März 2009

Die Rahmenbedingungen für die Komplementärmedizin sind alles andere als gut. Während die Nachfrage seitens der Patientinnen und Patienten nach wie vor steigt, kommen die komplementärmedizinischen Ansätze sowohl in der Ausbildung als auch in der Wissenschaft kaum vor. Dass sich diese Diskrepanz sehr problematisch auf die ambulante und stationäre Versorgung auswirkt, zeigten die 4. Komplementärmedizinischen Gespräche, die gestern in Berlin zum Thema "Welche Rahmenbedingungen braucht die Komplementärmedizin?" stattfanden. Diskutiert wurde auch, was die Komplementärmedizin selber leisten kann und soll, um die Bedingungen zu verbessern - und was gesundheitspolitisch getan werden muss, um komplementärmedizinische Ansätze endlich in dem Umfang anbieten zu können, in dem sie nachgefragt werden.

Perspektive der Ärzte und Wissenschaft

Der erste Teil der Veranstaltung war dem Austausch zwischen Ärzten und Wissenschaft gewidmet: Am Nachmittag schilderten und diskutierten Ärztinnen und Ärzte, welche konkreten Spielräume es in unserem Gesundheitssystem für die Komplementärmedizin gibt: In der medizinischen Versorgung schwinden die Räume für eine integrativ ausgerichtete Medizin wie die Komplementärmedizin, denn diese Ansätze kosten in der Regel mehr Zeit. Der Aufwand für die Betreuung der Patienten ist deutlich höher, weil zum einen das ausführliche Gespräch mit den Patienten gesucht wird und zum anderen die verschiedenen Ansätze der Komplementärmedizin sinnvoll miteinander verknüpft werden müssen: "Wir müssen aus dem komplexen Angebot der integrativen Medizin sehr spezifisch auswählen und für jeden Patienten das individuell Richtige finden. Das braucht einfach Zeit", erklärt Dr. Thomas Breitkreuz (Leitender Arzt im anthroposophischen Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke) den zeitlichen Aufwand. Im gestrigen Gespräch, an dem sich auch das Publikum lebhaft beteiligte, wurde aber immer wieder deutlich gemacht, dass der zusätzliche Zeitaufwand im Ergebnis aber meist trotzdem kostengünstiger sei, da in einer individuell ausgerichteten Medizin viele teure Maßnahmen vermieden werden können, die sonst standardisiert durchgeführt werden. "Für eine sprechende Medizin ist heute keine Zeit mehr, für eine hörende schon gar nicht", fasste Dr. Dorothee Struck, niedergelassene Ärztin mit Zusatzbezeichnung Naturheilverfahren, die heutige Situation im System der gesetzlichen Krankenversicherung zusammen. Dr. Hendrik Vögler (anthroposophischer Arzt) aus Dortmund ergänzte: "Zu der pauschalierten Honorierung kommt noch das Problem, dass die Medizin heute durch eine falsch verstandene Leitlinien-Medizin immer stärker standardisiert". Da müsse auch die Ärzteschaft Stellung beziehen.

Als Ausnahme wurde immer wieder auf die Integrierte Versorgung hingewiesen. Diese speziellen Verträge ermöglichen es, zusätzliche Leistungen und mehr Zeit für die Kommunikation zwischen Patient und Arzt in das gesetzliche System zu bringen. Solche Beispiele können Hoffnung auf eine Änderung des Systems machen. "Ein Ausstieg aus dem System kann nicht die Lösung sein. Aber wir müssen das System ändern und die Mittel anders verteilen. Denn es ist ja eigentlich genügend Geld da", forderte Prof. Dr. Andreas Michalsen (Immanuel Krankenhaus, Zentrum für Naturheilkunde Berlin, Stiftungsprofessur Klinische Naturheilkunde der Charité Berlin).

In Forschung und Wissenschaft aufgeholt

Wie ein roter Faden zog sich folgendes Ergebnis durch die verschiedenen Beiträge: Es muss mehr getan werden, um die Vielfalt der Komplementärmedizin wissenschaftlich belegen und in der medizinischen Versorgung besser abbilden zu können. Die derzeit gültigen gesetzlichen Rahmenbedingungen verweisen die Komplementärmedizin in Randbereiche des Gesundheitssystems, die Patienten müssen für viele dieser Leistungen privat aufkommen. Damit bleiben wirksame und sinnvolle Therapieverfahren für viele Patienten unerreichbar. Das alte Vorurteil, dass die Komplementärmedizin erst dann stärker berücksichtigt werden könne, wenn der vollständige Wirksamkeitsnachweis erbracht worden sei, wurde von Michalsen selbstbewusst zurückgewiesen: "Die Naturheilkunde ist heute zu einem relativen Anteil evidenzbasiert, anders als noch vor 15 Jahren". Angst vor Benchmarking, also vor Vergleichsstudien mit der Schulmedizin, habe man heute nicht (mehr), so Dr. Harald Matthes vom Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe und Vorstandsmitglieder der Hufelandgesellschaft. Zu denken geben sollte allerdings, dass es seit 1999 keine öffentliche Forschungsförderung mehr gebe.

Gesundheitspolitische Debatte

Im zweiten Teil der Veranstaltung wurde mit den gesundheitspolitischen Sprecherinnen und Sprechern der Bundestagsfraktionen Annette Widmann-Mauz, MdB (CDU), Dr. Marlies Volkmer, MdB (SPD), Dr. Konrad Schily, MdB (FDP), Biggi Bender, MdB (Bündnis 90/Die Grünen) und Frank Spieth, MdB (Die Linke) diskutiert, unter welchen Bedingungen die Komplementärmedizin arbeitet - und was es zu verändern gilt. Dr. Ellis Huber wies in seinem Impulsvortrag darauf hin, dass die heutige Medizin keine Beziehungen zwischen Patient und Arzt zulasse: "Entscheidend ist die soziale Beziehungsgestaltung". Einig war man sich, dass integrative Konzepte dringend benötigte Innovationen seien und mehr Versorgungsforschung das auch belegen könne. Allerdings müsse es mehr Lehrstühle für die Komplementärmedizin geben. Auch die Politik nahm zu einzelnen Instrumenten wie der Integrierten Versorgung oder den Wahltarifen Stellung. Zur gegenwärtigen Situation der gesetzlichen Krankenversicherung gab es auch auf dem Podium kritische Stimmen: "Der neue Gesundheitsfonds setzt die Krankenkassen unter Spardruck. Innovationsfördernd ist das nicht", meinte Biggi Bender (Bündnis 90/Die Grünen). Das Fazit nach einer Stunde gesundheitspolitischer Debatte: Neue und große Freiräume sind für die Komplementärmedizin momentan nicht zu erwarten. Trotzdem wäre schon viel gewonnen, so die Forderung eines klinisch tätigen Arztes, wenn mehr Freiräume geschaffen werden, um integrative Medizin modellhaft erproben zu können.

Organisiert und durchgeführt wurde die Veranstaltung von der Hufelandgesellschaft (Dachverband der Ärztegesellschaften für Naturheilverfahren und Komplementärmedizin) und vom Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD).

Pressekontakt:
Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD)
Natascha Hövener, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Email: hoevener@damid.de
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