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Auch am Ende ein Weg – Impulse für die Palliativmedizin

Berlin, 3. Juni 2009

Obwohl das Thema Palliativversorgung inzwischen in der gesundheitspolitischen und in der gesamtgesellschaftlichen Debatte angekommen ist, bleiben in der Realität der medizinischen Versorgung noch viele Fragen offen. Das betrifft nicht nur quantitative Aspekte (momentan gibt 17 Palliativ-Betten pro eine Million Einwohner), sondern auch die inhaltlich-qualitative Ausrichtung der Palliativmedizin: Wie kann der individuelle Sterbeprozess angemessen medizinisch und menschlich begleitet werden? Was bedeutet es für die Medizin, am Lebensende nicht mehr Diagnosen zu behandeln, sondern eher Zustände wie Erschöpfung, Schmerzen oder Unruhe zu lindern? Wie können Ärzte und Pflegende die Begegnung mit dem sterbenden Menschen gestalten?

Um zu diesen Fragen miteinander ins Gespräch zu kommen, hat der Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD) am 29. Mai 2009 in Berlin die Veranstaltung „Auch am Ende ein Weg – Beiträge der Anthroposophischen Medizin zur palliativen Versorgung" durchgeführt. Die Podiumsdiskussion gehörte zum Rahmenprogramm des jährlichen „Hauptstadtkongresses Medizin und Gesundheit" in Berlin.

Im Mittelpunkt - die menschliche Begegnung

Einleitend stellte Rolf Heine (Präsidiumsmitglied des Deutschen Pflegerats und Vorstandsmitglied beim Verband für Anthroposophische Pflege) den Pflege- und Heilungsbedarf in der letzten Lebensphase vor. Besonders ging Heine dabei auf die Frage ein, wie eine Begleitung Sterbender in unseren heutigen multikulturellen Gesellschaften, in denen kein einheitlicher Wertekanon mehr gilt, aussehen könne. Es sei für die heutige Palliativmedizin eine große Herausforderung, das bloß passive Zulassen des Sterbevorgangs durch eine sinnstiftende und wertschätzende Begleitung zu erweitern und gleichzeitig praktische Hilfe im Leben und Leiden anzubieten. Dazu Heine: „Dabei werden die modernen kurativen und palliativen Methoden der Medizin zusammen mit Biografiearbeit, Kunsttherapie oder Seelsorge, angepasst an die Bedürfnisse und den Nutzen für den Patienten oder die Patientin, eingesetzt."

Wie das erweiterte Therapiespektrum der Anthroposophischen Medizin in der palliativen Versorgung konkret aussieht, schilderte Angelika Jaschke am Beispiel der Heileurythmie: In der Palliativsituation wirken diese gezielt eingesetzten Bewegungen auf die Atmung sowie auf die Regulierung der Körperwärme, außerdem können Ängste und Depressionen gelindert werden. Dabei verlange die besondere Situation vom Therapeuten, sich einfühlsam auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten einzulassen und herauszufinden, welche Art der Bewegung der sterbende Mensch in seiner letzten Lebensphase brauche: „Der Palliativpatient geht mit seiner eigenen Empfindung in die Bewegung und wird in der therapeutischen Beziehung zum Führenden", erklärt Jaschke. Der Therapeut müsse bereit sein, sich auf diesen Prozess einlassen zu können.

Die individuelle Begegnung mit dem sterbenden Menschen stand auch im Mittelpunkt des Beitrags aus ärztlicher Perspektive von Dr. Matthias Girke (Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe). Girke erläuterte, wie sich das Menschenbild der Anthroposophischen Medizin, das den Menschen als leibliches, seelisches und geistiges Wesen anerkenne, in der Palliativmedizin auswirke: „Dem leiblichen Sterbeprozess steht eine innere Entwicklungsperspektive des Patienten gegenüber. Entsprechend wird die therapeutische Beziehung zum sterbenden Patienten durch Zukunftsoffenheit und Sinngebung interner Krankheitsphasen geprägt sein." Die künstlerischen Therapien der Anthroposophischen Medizin und bestimmte Maßnahmen anthroposophisch orientierter Krankenpflege wie äußere Anwendungen, Einreibungen oder Wickel können zusätzlich unterstützend eingesetzt werden. Auch spezifische Arzneimittel stehen zur Verfügung. Besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang dem therapeutischen Umgang mit Schmerz, Fatigue Syndrom, Depression, Angst, Unruhezuständen und gastrointestinalen Symptomen zu. Für das Verständnis des sterbenden Menschen sei, so Matthias Girke, außerdem die Kenntnis der so genannten Nah-Todes-Erlebnisse unverzichtbar.

Impulse für die palliative Versorgung

In der sich anschließenden Podiumsdiskussion, die von Birgitt Bahlmann moderiert wurde, wurde deutlich, dass der Wunsch nach einer Palliativmedizin, die über eine reine Symptomkontrolle hinausgeht, immer stärker wird. Dabei kann die Anthroposophische Medizin sinnvolle Anregungen geben, wie auch schon in der Vergangenheit, als viele Impulse, die von der anthroposophisch orientierten Palliativmedizin ausgegangen sind - wie zum Beispiel besonders gestaltete Aufbahrungsräume, künstlerische Therapien oder spezifische äußere Anwendungen - in der konventionellen Palliativmedizin aufgegriffen wurden und heute auf Palliativstationen oder in der Hospizarbeit fast standardmäßig umgesetzt werden. Die Anthroposophische Medizin zeigt in ihren stationären Einrichtungen seit Langem, wie es auch im hektischen Krankenhausalltag gelingen kann, sich in Ruhe auf das Abschiednehmen zu besinnen und dem Sterbeprozess damit würdevoll zu begegnen.

Über diese Schwerpunkte tauscht sich die Anthroposophische Medizin heute in gemeinsamen Fortbildungen oder im kollegialen Dialog mit der konventionellen Medizin aus und hilft damit, die Perspektive auf den sterbenden Menschen zu erweitern: Statt in erster Linie die Krankheitssymptome und den körperlichen Verfall eines Sterbenden wahrzunehmen, können Ärzte, Therapeuten und Pflegende ihren Blick stärker auf das innere Erleben und auf die seelisch-geistige Entwicklungsfähigkeit des Menschen in der letzten Lebensphase richten. Die Anthroposophische Medizin stellt gerade den Respekt vor dieser Entwicklungsfähigkeit in den Mittelpunkt der palliativen Versorgung. Wie fruchtbar dieser Prozess sein kann, formulierte Matthias Girke folgendermaßen: „Die Lebenden sind dazu da, den Sterbenden die Augen zu schließen. Und die Sterbenden sind dazu da, den Lebenden die Augen zu öffnen".

Pressekontakt:
Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD)
Natascha Hövener, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Email: hoevener@damid.de
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