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Fallkonferenz Gastroenterologie - Dialogforum Pluralismus in der Medizin
Berlin, 14. September 2009
Wie viel der Dialog zwischen Vertretern der konventionellen und der komplementären Therapierichtungen vom konkreten Beispiel profitieren kann, zeigte erneut die "Fallkonferenz Integrative Medizin" vom Dialogforum Pluralismus in der Medizin am 11. September 2009 in Berlin. Anhand von zwei Patientenfällen (Kolonkarzinom und chronisch-entzündliche Darmerkrankung) wurden die verschiedenen ärztlichen Strategien vorgestellt und im Anschluss mögliche inhaltliche und methodische Schnittflächen sowie Grenzen und Möglichkeiten der integrativen Zusammenarbeit entwickelt.
Der Austausch der Ärztinnen und Ärzte wurde mit großem Engagement und gegenseitigem Respekt geführt. Es zeigte sich, dass sich letztlich alle medizinischen Richtungen mit der übergreifenden Frage beschäftigten, wie man in Zeiten von Leitlinien, DRG-System und DMP-Programmen dem einzelnen Patienten angemessen gerecht werden kann: Kann es eine standardisierte Leitlinien- plus individualisierter Medizin geben? Gerade diese Frage zog sich wie ein roter Faden durch die verschiedenen Schilderungen und durch die Diskussion mit dem Auditorium.
Interessant war auch, dass es die viel beschworenen Gräben zwischen Schul- und Komplementärmedizin in der Praxis tatsächlich seltener zu geben scheint - viele Beiträge zielten explizit auf eine Optimierung der schulmedizinischen Therapie ab. Trotzdem wurde der Gedanke einer integrativen bzw. erweiterten Medizin immer wieder aufgegriffen, besonders von Dr. Matthias Girke und Dr. Harald Matthes (beide Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe), die für die Anthroposophische Medizin referierten. Girke und Matthes wiesen gleichermaßen auf die seelisch-geistige Dimension der vorgestellten Erkrankungen hin und erläuterten, dass zu einem wirklich individuellen Therapiekonzept vier Ebenen gehören: die physische Ebene mit Eingriffen wie Operationen etc., die prozessuale Ebene (Salutogenese), die seelische Ebene und schließlich die individuelle geistige Ebene des Patienten. Matthes fasste den Ansatz der Anthroposophischen Medizin folgendermaßen zusammen: "Mit der konventionellen Therapie gegen die Krankheit und mit der komplementären Therapie für die Gesundheit." Als wichtiges Ziel wurde in vielen komplementärmedizinischen Ansätzen die Anregung der Selbstheilungskräfte und der körpereigenen Ressourcen genannt.
Durchaus kontrovers wurde über die Misteltherapie, die beim kolorektalen Karzinom vorgestellt wurde, diskutiert. Hier zeigte sich, dass die Studienlage sehr unterschiedlich interpretiert wurde - die Vertreter der Anthroposophischen Medizin forderten diesbezüglich "gleiche Regeln für alle", da die Mistel mittlerweile das am besten untersuchte onkologische Therapeutikum sei und es für die Verbesserung der Lebensqualität eine klare Evidenz gäbe. Grundsätzlich wurde aber kritisiert, dass die reine Fokussierung auf Studien und die externe Evidenz wenig bringe: "Die Ärzte brauchen nicht nur Daten, sondern vor allem viel Empathie für die konkrete Patientensituation", meinte Harald Matthes und Matthias Girke forderte: "Wir müssen vom Allgemeinen der Leitlinien zum Besonderen der individuellen medizinischen Versorgung kommen. So entsteht echte Heilkunst".
Auch in der Schulmedizin gilt mittlerweile als Konsens, dass es nicht unbedingt auf die Befunde ankomme, sondern eher auf den individuellen Leidensdruck. Zusammenfassend wies Professor Stefan N. Willich (Charité) auf das nach wie vor ungelöste Spannungsfeld zwischen evidenzbasierten Studien und der konkreten Patientenwirkung hin: "Was sind hierbei die richtigen Prädiktoren? Da steht die moderne Medizin noch ganz am Anfang." Als Aufgaben für die Zukunft wurden gemeinsame Studienvorhaben genannt, vor allem vor dem Hintergrund, dass die Patientinnen und Patienten die verschiedenen Ansätze munter miteinander kombinieren - oft, ohne den behandelnden Arzt zu informieren. Diese Patientenperspektive sollte in zukünftige Forschungsvorhaben unbedingt einbezogen werden.
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